Bonyhádvarasd · Warasch Heimatbuch Warasch Werden und Vergehen eines deutschen Dorfes in der Schwäbischen Türkei / Ungarn

I. Kapitel – B

I. KAPITEL [B]

Vom Südosten her rückte eine neue feindliche Macht immer näher, das Reich der Osmanen. Von den Zeiten Ludwigs I. an rissen die Kämpfe mit den Türken für Jahrhunderte nicht mehr ab.
Auch sein Nachfolger, König Sigismund (1387—1437), der schon über zwanzig Jahre lang ungarischer König gewesen ist, als er 1410 zum deutschen König gewählt wurde (Kaiser ab 1433), hat die Türkengefahr immer wieder — mit wechselndem Erfolg — abwehren müssen.
Unter ihm arbeitete sich János Hunyadi zum mächtigsten Adeligen des Landes empor. Gemeinsam mit dem hl. Johannes von Capistrano errang dieser einen glänzenden Sieg über die Türken bei Belgrad im Jahre 1456. Das mittägliche Angelusläuten erinnert uns noch heute daran.

König Matthias I. Corvinus (1458-1490)

1458 wurde Matthias I. Corvinus, der Sohn des János Hunyadi, zum König von Ungarn gewählt. Durch seine Frau Beatrix von Neapel hielt die italienische Renaissance in Ungarn Einzug. Zahlreiche Künstler und Humanisten waren am Hofe von König Matthias beschäftigt. Berühmt war seine Bibliothek in Buda = Ofen, die Corvina. Mit fester Hand zügelte er die Feudalherren und schuf Wohlstand sowie Frieden im ganzen Lande. Wohl deshalb war er so beliebt und viele Volkssagen berichten von seinen Abenteuern, die er — verkleidet — inmitten seiner Untertanen erlebte. Nach seinem Tode entstand die noch heute lebendige Redensart: „Gestorben ist König Matthias aus ist es mit der Gerechtigkeit" = Meghalt Mátyás király, oda az igazság!
Unter den Nachfolgern von Matthias Corvinus zerfiel die königliche Gewalt. Dies war umso verhängnisvoller, als die Türken zu einem Schlag gegen den römischen Kaiser rüsteten. Zuvor mußte aber erst die Macht Ungarns gebrochen werden.

Die Regierungsperiode der Jagellonen. Der Dózsa Aufstand

Nach dem Tode des Matthias kamen die polnischen Jagellonen auf den Thron. Das Reich zerfiel. Oligarchie herrschte.
Der Papst rief zum Kampf gegen die Osmanen auf. In Buda = Ofen sammelte sich das Bauernvolk, um gegen die Türken zu kämpfen, doch nur zum Schein. Die vom Papst erhaltenen Waffen sollten gegen die eigenen adeligen Herren verwendet werden. Der von György Dózsa angestiftete Bauernaufstand wurde 1514 blutig erstickt. Dózsa erlitt einen qualvollen Tod. Er wurde auf einen glühenden Thron gesetzt, mit einer glühenden Krone gekrönt und am lebendigen Leibe langsam gebraten. Seine Unterführer zwang man, von seinem Fleische zu essen. Seine Gestalt wurde in der Folgezeit zu einem Märtyrer des Volkes. Völkische Romane und Spiele verewigen sein Andenken. Im heutigen Ungarn sind etliche Straßen und Plätze nach Dózsa benannt.

Mohács — die Tragödie der ungarischen Nation (1526)

Nach dem Blutbad des Bauernkrieges war Ungarn reif für eine noch schwerwiegendere Tragödie.
Die Türken hatten auf dem Balkan bereits alle Widerstände gebrochen. Mit der Eroberung Montenegros setzten die Osmanen hier ihre Expansionsgrenzen. Nach der Unterwerfung der Moldau sammelte der Sultan alle seine Reserven zur Eroberung Ungarns. Der junge Jagellonenkönig Ludwig II. hatte gegen das 200.000 Mann starke Osmanenheer nur insgesamt 25.000 Mann aufzubieten. Vergeblich bat er um ausländische Hilfe.
Die verhängnisvolle Schlacht fand unweit der Donau bei Mohács im Jahre 1526 statt. Sie endete mit einer fürchterlichen Niederlage des ungarischen Heeres. Beinahe 20.000 Ungarn blieben tot auf dem Schlachtfeld, unter ihnen auch der König, zahlreiche Adelige und sieben Bischöfe. Die Gefangenen ließ der Sultan zu Tausenden auf dem Schlachtfeld enthaupten.
Die Osmanen begnügten sich zunächst mit der Verwüstung des Landes, mit Skla­venjagd und Raubzügen und zogen sich dann wieder zurück.
Die Lage wurde noch schlimmer, als es nach der Niederlage bei Mohács zu einer doppelten Königswahl kam. Die unglücklichen ungarischen Stände spalteten sich in zwei Lager. Die westlich Orientierten entschieden sich für den Habsburger Ferdinand, in der Hoffnung, mit kaiserlicher Hilfe den zerstörten Staat wieder aufrichten zu können. Die Nationalen erhoben den Wojwoden Siebenbürgens, Johann Szapolyai, zu ihrem König (1526-1541).
Der Bürgerkrieg, der nun ausbrach, besiegelte endgültig das Schicksal Ungarns.
Das Land zerfiel in drei Teile. Ferdinand von Habsburg (1526-1564) herrschte im Westen und Norden, Johann Szapolyai im Osten. Zwischen die verfeindeten Gebiete schob sich wie ein gewaltiger Keil die Herrschaft der Türken, denen 1541 noch die Festung Buda durch List in die Hände fiel.

Türkenherrschaft für 150 Jahre

Als Folge der Eroberung des Balkans durch die Osmanen wurden alle betroffenen Donauvölker geknechtet und dezimiert. Hierunter fielen die Bulgaren, Serben, Montenegriner; am meisten waren aber die im türkisch besetzten Gebiet lebenden Ungarn und Kroaten betroffen.
Das anderthalb Jahrhunderte währende Türkenjoch hatte für das einst blühende Ungarn verheerende Folgen. Die Große Ungarische Tiefebene wurde entvölkert, die Menschen zogen in die Städte, wo sie besseren Schutz fanden. Die frühere Kulturlandschaft verwandelte sich in eine „Puszta" = Öde.
In den Grenzgebieten zwischen dem habsburgischen und dem türkischen Ungarn rissen die Kämpfe auch in der Friedenszeit nie ab. Das Ziel der Osmanen war immer dasselbe, die Eroberung Wiens. Oft leisteten kleinere Festungen erbitterten Widerstand gegen die Übermacht der Türken. Am bekanntesten ist der Held von Szigetvár, Miklós Zrínyi, der im Jahre 1566 bei der Verteidigung der Festung inmitten seiner Soldaten den Tod fand.
Siebenbürgen mit Teilen Ostungarns machte sich nach der Mohácser Niederlage selbständig, mußte aber ziemlich bald, wenigstens nominell, die Oberhoheit der Türken anerkennen.
Die Magyaren vermochten in dieser langen Zeit der Dreiteilung und der Fremdherrschaft den Gedanken der nationalen Einheit aufrechtzuerhalten. Es war die Idee von der Heiligen Krone, die das politisch zerrissene Land wenigstens im Bewußtsein vereinte. Die Fürsten von Siebenbürgen, mochten sie noch so erbitterte Feinde der Habsburger gewesen sein, haben sich nie zu ungarischen Königen erklärt, nicht einmal Gabor Bethlen (1613-1629), obwohl er die Stephanskrone für zwei Jahre im Besitz hatte.
Ungarn war seinerzeit nicht nur politisch, sondern auch religiös gespalten. Die Reformation verbreitete sich schnell.
Die Siebenbürger Sachsen und andere deutsche Sprachinseln wurden lutherisch, der ungarische Adel wandte sich weitgehend dem Calvinismus zu. Die katholische Reformbewegung setzte erst in der zweiten Hälfte des 16. Jh. durch den Humanisten und Erzbischof von Gran, Miklós Oláh (1493—1568), ein. Die größte Gestalt der Gegenreformation war Peter Pázmány (1570—1637), späterer Erzbischof von Gran und Kardinal. Gleich groß war er als Theologe, Schriftsteller und Prediger.

ENDE DER TÜRKENKRIEGE

Durch die Expansionsbestrebungen des Osmanenreiches kam es neben den Gebieten des Balkans und Österreichs auch zu Kriegshandlungen der Türken gegen Rußland.
Ermuntert durch seinen großen Sieg bei Mohács, überrannte Sultan Suleiman II. einen großen Teil Ungarns und griff daraufhin auch Wien an, das aber durch Nikolaus von Salm verteidigt wurde.
Österreichs Herrscher, die Habsburger, beschränkt auf die Gebiete Westungarns, richteten zur Abwehr eine Militärgrenze ein. Bei St. Gotthard siegten die Österreicher unter Montecuccolis Leitung 1664, schlossen aber einen ungünstigen Frieden.
Die Geschichtsbücher aller Völker des Südostens betonen oft und ausdrücklich, daß sie fortwährend Schutzwälle und Befestigungen gegen die eindringenden Tataren und später die Türken anlegten. Ihr Anteil am Abwehrkampf ist ohne Zweifel, doch können ihre Leistungen bzw. Beiträge nur im Hinblick auf die deutsche Abwehrkraft gewertet werden. Die besiegten Südostvölker waren die äußersten Vorposten und lagen auf dem Pfad der Eindringlinge.
Deshalb spielte das Deutschtum die entscheidende Rolle im Türkenkrieg und ihm gebührt das Verdienst der Beseitigung der Gefahr. Das Land des Donaubeckens von Wien bis Belgrad kostete das Blut von Tausenden und abermals Tausenden Deutschen. Neben dem schlagkräftigen Heer aus den österreichischen Erbländern kämpften die kriegstüchtigen Truppen der Reichsfürsten in zahlreichen erfolgreichen Schlachten.
Die Kriege zur Befreiung vom Türkenjoch währten mit Unterbrechungen 34 Jahre lang. Sie begannen 1683 mit der Belagerung der Kaiserstadt Wien und endeten 1717 mit der Eroberung von Belgrad einschließlich Nordserbien.

Die Feldherren der Türkenkriege

In diesen schweren Kämpfen der Befreiung Ungarns vom Osmanenjoch zeichneten sich besonders vier siegreiche Feldherren aus. Sie kämpften mutig gegen einen Feind, der zahlenmäßig weit überlegen war.

1. Karl von Lothringen, den man auch den „Moltke der Türkenkriege" nannte, schlug am 12. Sept. 1683 am Kahlenberg unweit Wiens die Türken in die Flucht mit Hilfe der österreichischen, bayerischen, sächsischen und polnischen Entsatzheere. Der Beitrag des Polenkönigs Johann Sobieski ist dabei hervorzuheben.
Nachher ging Karl von Lothringen zum Angriff über, fiel in Ungarn ein, eroberte 1686 Ofen und besiegte in einer der größten Schlachten bei Nagyharsány = Großharschan unweit von Mohács das Heer des Sultans. In dieser Schlacht wurde ein Türken­heer von großer Übermacht vernichtend geschlagen. Von einem 100.000 Mann starken Türkenheer endeten nicht weniger als 30.000 auf dem Schlachtfelde. (Das Osmanenheer soll von dem Kurutzenkönig Thököly kommandiert worden sein.)

2. Kurfürst Max Emmanuel von Bayern, war der Held der Schlacht am „Harschaner Berg", ein bekannter Haudegen, der sein 23.000 Mann zählendes Bayernheer, unterstützt von einigen Dragonerregimentern der Kaiserlichen, nachmittags 3 Uhr, als die Schlacht schon verloren schien, zum Gegenangriff anführte. Die Osmanen ließen nach diesen ungeheuren Menschenverlusten selbst ihre gefüllte Kriegskasse zurück und als weitere Kriegsbeute nebst Dutzenden von Kanonen u. Mörsern, 100 Tonnen Schießpulver, 7.000 Ochsen, 6.000 Pferde, Kleinvieh und die gesamte Furage. Aus den erbeuteten Beständen konnten sich die Kaiserlichen etwa 3 Wochen lang ernähren.
Immer wieder erhebt sich die Frage, warum wohl Max Emmanuel als Heerführer etwas im Hintergrund blieb, und dieses so wichtige Ereignis bei Nagyharsány nicht ge­bührend genug seinen Eingang fand in die Annalen der Türkenkriege. Hängt es wohl damit zusammen, daß dieser Kurfürst von Bayern im spanischen Erbfolgekrieg auf französischer Seite gegen die Österreicher kämpfte, also ins andere Lager wechselte?
Kurfürst Max Emmanuel hat als der zweite Oberfeldherr bei der Rückeroberung der Stadt Ofen gekämpft. Er vertrieb bereits 1688 die Türken aus Belgrad.

3.  Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, volkstümlich als „Türken-Louis" bezeichnet, kämpfte ebenfalls heldenmütig bei Wien und Ofen. Er eroberte Siebenbürgen und schlug als Heerführer die Türken in der Schlacht bei Slankamen (Salzstein) am 19. August 1691 vernichtend.

4.  Prinz Eugen von Savoyen, genannt im Volksmund „Prinz Eugen, der edle Ritter". Seine Gestalt steht leuchtend in unserer donauschwäbischen Heimatgeschichte. Seine Kriegstaten stellen alle anderen deutschen Kriegsmanöver in den Schatten mit seinen glanzvollen Siegen bei Zenta (1697), Peterwardein (1716), Temeschwar (1716) und schließlich Belgrad (1717).
Auch er war für eine gewisse Zeit vergessen, doch bereits zu Lebzeiten war er als Volksheld gefeiert und vergöttert. Dichter verherrlichten seine Heldentaten, und nach seinem Tode pflegte die Geschichtsschreibung sein Andenken. Oft ertönte der Prinz-Eugen-Marsch. In Wien und Budapest erstellte man dem großen Helden herrliche Reiterdenkmäler.

Prinz Eugen